Wie geht es uns in Edewecht ?

Edewecht gilt als eine wachsende und prosperierende Gemeinde. Viele finden ihren Arbeitsplatz in der Gemeinde. Viele bewohnen Wohneigentum. Es scheint uns gut zu gehen in Edewecht. Aber es gibt auch eine andere, oft unsichtbare Seite. Edewechter/innen, die nur schwerlich mit ihren finanziellen Mitteln zurecht kommen.
01.04.2026 Beobachtungen in Edewecht
1. Mein täglicher Gang zum Brötchenholen beim Bäcker am Morgen.
2020: Um 06.30 Uhr morgens holen sich die Handwerker vor Arbeitsbeginn ihre lecker belegten Brötchen, auch ich warte in der langen Schlange.
2026: gleiche Zeit, gleicher Ort. Neben der Bäckerei öffnet der Discounter um 07.00 Uhr. Keine Warteschlange mehr vor der Bäckerei, dafür strömen die Handwerker vor Arbeitsbeginn in den Discounter, um dort günstiger als in der BäckereiB rötchen und Aufschnitt zu besorgen.
2. Jede Woche bringe ich einige Kisten Äpfel zur „Tafel“ an die Oldenburger Strasse. Vor einigen Jahren war der Standort der Tafel noch „Am Esch“ in Südedewecht – die ca. 80 Einzelkunden wurden von einigen ehrenamtliche HelferInnen versorgt. Heute unterstützt die „Tafel“ an der Oldenburger Strasse ca. 50 Familien, dazu kommen die 15 ehrenamtlichen HelferInnen, ebenfalls hilfebedürftig. Insgesamt müssen somit ca. 400 sogenannte Bedarfsgemeinschaften (Familien oder Einzelpersonen) die Unterstützung in Anspruch nehmen. Legitimieren müssen sie sich durch ihre Leistungsbescheide für Bürgergeld, Wohngeld und anderen Nachweisen ihrer Bedürftigkeit – Missbrauch der „Tafel“ ausgeschlossen.
3. Annahmestelle für Leergut in einem Supermarkt. Regelmässig warten Menschen darauf, dass andere Kunden Flaschen abstellen, die der Automat nicht gleich annimmt. So können sie noch einige Cent mit zusätzlichem Aufwand für sich retten.
4. An den Kassen der Discounter arbeiten überwiegend Frauen. Einige davon kennen meine Frau und ich persönlich. Wir unterhalten uns und hören auch, wie es anderen geht. Alleinerziehende Mütter und Väter, Teilzeitbeschäftigte, die insbesondere abends und an Wochenenden arbeiten, Angestellte und Arbeiter, die einen Zweitjob ausüben müssen, weil ihr Einkommen sonst nicht zum Leben reicht. Viele schämen sich, ihnen zustehende Sozialleistungen zu beantragen.
5. Meine Frau und ich gehen regelmäßig am frühen Nachmittag den Bahnweg Richtung Süddorf. Oft kommen uns Fahrradfahrende mit Pfandflaschen in Säcken entgegen. Aus Edewecht kommend überholen uns bisweilen Menschen bepackt mit gesammelten Gebrauchsgegenständen auf dem Fahrrad.
6. Insbesondere alte Leute suchen in Mülleimern am Alten Stadion, am Bahnweg, in der
Hauptstraße und an Bushaltestellen nach Pfandflaschen. Bemerken sie, dass sie angesehen werden, wenden sie sich verschämt ab.
7. Es kommen Menschen zu mir, die um Hilfe bei der Antragstellung für Sozialhilfe, Wohngeld etc. bitten. Es sind insbesondere Frauen, die Angst vor dem Gang zu den Behörden haben, weil sie wie kriminelle Betrügerinnen behandelt werden. Die eine oder andere habe ich begleitet, so dass ich bestätigen kann, dass uns sowohl bei der Arbeitsagentur als auch bei der Wohngeldstelle sehr „gewöhnungsbedürftige“ Reaktionen entgegengebracht wurden.
Meine Frau und ich folgern: Es gibt viel zu viele Arme in Edewecht. Zweiflern empfehle ich, sich selbst an den Brennpunkten davon zu überzeugen.
Zahlen aus dem Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes 2024
Bundesweit liegt der Landkreis Ammerland mit einer Armutsquote von 17,1 Prozent im Mittel des bundesdeutschen Armutsbereichs. Arm ist demnach jede/r mit einem verfügbaren Einkommen von 1186,-€ im Monat. Eine Alleinerziehende mit einem Kind unter 14. Jahren gilt als arm, wenn se weniger als 1542,00 € im Monat, ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren, wenn das Haushaltsnettoeinkommen unter 2.490 Euro liegt. Zum Haushaltsnettoeinkommen zählen auch sämtliche Transferleistungen wie etwa Wohngeld, Kindergeld oder Kinderzuschlag.
Diese Zahlen gelten bundesweit – sie berücksichtigen nicht die regional doch sehr unterschiedlichen Lebenshaltungskosten. Armut ist oft nicht sichtbar und meistens mit Scham behaftet. Wir müssen in der derzeitigen wirtschaftlichen Situation damit rechnen, dass die verdeckte Armut wachsen wird. Mehr als ein Viertel der einkommensarmen Menschen sind erwerbstätig – Arbeit schützt nicht vor Armut. Und diese Tendenz verstärkt sich – obwohl weniger Menschen die Grundsicherung für Arbeitsuchende (früher Hartz IV, Bürgergeld) beziehen müssen, erhöht sich der Anteil derjenigen, die arbeiten und im Bezug sein müssen. Dies alles betrifft auch viele Menschen in Edewecht
Auch die Gemeinde kann etwas gegen Armut tun
Die Kommunen sind nicht die Hauptakteure, um Verarmung und deren Folgen zu verhindern oder zu lindern. So sind Maßnahmen wie die Anhebung des Mindestlohns, eine einkommens- und bedarfsorientierte Kindergrundsicherung, eine Reform der gesetzlichen Rentenversicherung mit armutsfester Mindestrente und eine Mietpreisdämpfungspolitik – um nur einige Beispiele zu nennen – auf bundespolitischer Ebene anzugehen. Erst Recht das mittlerweile fundamentale Auseinanderdriften in extrem Reiche und die wachsende Anzahl Armer durch grundsätzliche Änderungen in der Besteuerung durch eine Vermögens- und Erbschaftssteuer, eine wirksame Kapitalertragssteuer. Dies kann nur durch eine Regierung in Gang gesetzt werden, die die demokratische Gesellschaft erhalten will.
Aber die Kommunen können nicht die Hände in den Schoss legen – auch sie haben Spielräume, die gegen Armut genutzt werden können. Dazu gehört zunächst eine genaue Kenntnis von Armutsschwerpunkten und Zielgruppen – blosse Statistiken helfen da nur am Rande. Zuschüsse in Notlagen können gewährt werden (Miete, Strom etc.). Langfristig, aber eigentlich ständig, muss für bezahlbaren Wohnraum gesorgt werden (kommunaler Wohnungsbau und Zweckbindung), Mietpreisbremse und vergünstigte kommunale Wohnungen müssen eingesetzt werden. Familien können mit einer kostenfreien oder vergünstigten Kinderbetreuung/Ganztagsbetreuung, kostenfreien Schulmaterialien, Mittagessen in Schulen und Ferienbetreuung entlastet werden. Frühe Förderprogramme für Vorschule und Sprache leisten ebenfalls einen Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft. Niedrigschwellige Beratungsangebote (Schuldnerberatung, Sozialberatung) sollten zur Verfügung stehen. Die Liste lässt sich fortsetzen. Ganz wichtig ist auch der Punkt der Teilhabe beispielsweise in Form von Beiräten – hier kann deren Kenntnis in Entscheidungsprozesse der Kommunen einfliessen, BürgerInnen können sich einbringen und Einfluss nehmen – ganz wichtig für die Glaubwürdigkeit und Akzeptanz kommunaler politischer Entscheidungen.
Reinhold Wiehebrink / Hilke Holthuis
