Und Morgen an der Waschstrasse?
Jugendliche in Edewecht


Mehr als ein Viertel der Bevölkerung unserer Gemeinde sind Kinder und junge Menschen unter 27 Jahren. Ihr Leben ist geregelt durch KiTa, Schule, Ausbildung und Beruf. Kinder sind in ihrer freien Zeit noch überwiegend an das Elternhaus gebunden. Jugendliche und Heranwachsende suchen sich aber ihre Räume selbst, sie wollen unter sich sein. Hier sollte kein Geld ausgeben werden müssen, hier kann selbst bestimmt werden, was gemacht wird und was eben nicht – Orte ohne Zwang und Kontrolle.
Die Gemeinde hat aber auch eine Aufgabe für junge Menschen zu erfüllen. Sie soll junge Menschen individuell fördern und Benachteiligungen ausgleichen – Mittel dazu ist die Jugendarbeit. Neben der Förderung des Einzelnen hat Jugendarbeit aber auch einen klaren gesellschaftspolitischen Auftrag : Sie soll zur Bildung gesellschaftlicher Mitverantwortung beitragen und junge Menschen zu sozialem Engagement anregen und hinführen.
Wie sieht dies nun ganz genau in unserer Gemeinde aus ?
Das war die Frage in der Sitzung des Ausschusses für Kinder, Jugend und Soziales am 24. April 2026 im Rathaus. Kira Aldegeerds und Anton Schütte, die beiden SozialarbeiterInnen des Jugendzentrums in Edewecht, stellten Teile ihres Konzepts der Jugendarbeit vor, dass sie gemeinsam erarbeitet haben. Was gibt es gerade an Angeboten für junge Menschen und wie könnten die Punkte aussehen, an denen es nicht so gut läuft. Hier sollen nun einige der zentralen Punkte und Anliegen des Konzeptes vorgestellt werden. Wer neugierig geworden ist, und sich vertiefend mit diesem wichtigen Konzept beschäftigen möchte, kann dies über den unten eingefügten Link tun.
Jugendzentren
Offizieller Raum der Jugendpflege für die Kinder und Jugendliche sind zwei Jugendzentren in der Gemeinde, in Edewecht und in Friedrichsfehn. Dort arbeiten jeweils zwei SozialarbeiterInnen. Sie haben ein mehr als umfangreiches Aufgabengebiet: Angebote für Kinder und Jugendliche erstellen und durchführen, Begleitung von Fahrten und Ausflügen, Mitgestaltung des Ferienangebotes. Der Versuch auch in den einzelnen Bauerschaften der Gemeinde ein Angebot zu stellen ist aufgrund der begrenzten personellen Kapazitäten nur sehr eingeschränkt möglich – zwei oder auch vier SozialpädagogInnen können nun mal nicht überall sein. Und dann erwartet natürlich jedes Kind und jeder Jugendliche von ihnen ein offenes Ohr für die eigenen Anliegen und Nöte.
Begegnungsorte
Jugendliche nehmen aber ja nicht nur – und schon gar nicht alle – die Angebote der Jugendzentren wahr. Junge Menschen suchen sich eigene Begegnungsorte – an denen sie sich ungestört treffen und austauschen können. Dies findet aber nicht nur an realen Orten statt: Snapchat, TikTok, Instagram, WhatsApp sind mittlerweile fester Bestandteil im Leben junger Menschen – hier findet Austausch, Information und Diskussion statt. Ob dies immer nur gut ist ? Einen Vorteil hat diese Art der Kommunikation aber bei uns in der weitläufigen Gemeinde ohne ausreichenden ÖPNV: Alle können jederzeit digital miteinander kommunizieren. „Real“ treffen sich die Jugendlichen an Unterständen an Schulen oder gern auch mal in Drogeriemärkten. In Edewecht gerade sehr beliebt: eine Waschanlage mit Getränkeautomat im Gewerbegebiet. Hier verabredet man sich, trifft sich mit seiner Altersgruppe, kann auch mal Blödsinn machen oder lässt es bleiben. Solche Orte waren und sind immer ausgesprochen wichtig für junge Menschen – leider gibt es aber immer weniger davon. Dies betonen auch die beiden SozialarbeiterInnen.
Präventionsrat bei Problemlagen und aufsuchende Sozialarbeit
Wie überall sonst sieht man auch bei uns die Zunahme psychischer Probleme bei jungen Menschen. Um sich dieser Problematik – und natürlich auch anderer Problemlagen, die junge Menschen betreffen können – zu stellen, wird ein Präventionsrat mit allen Institutionen, die mit jungen Menschen zu tun haben, vorgeschlagen. Ein wirksames Netzwerk, dass dabei unterstützen soll aus psychischen Notlagen herauszukommen. Als dieser Punkt in der Ratssitzung vorgestellt wird, weist die Bürgermeisterin darauf hin, dass die Verwaltung einen Präventionsrat zwar positiv begleiten, aber aktiv keine weiteren Aktivitäten entfalten könne. Warum ? Fehlt hier der gute Wille ? Die Ermöglichung auf Netzwerke zuzugreifen, über die die Gemeinde ja verfügt, kostet ja nicht mehr als eben guten Willen und Engagement.
Als weiteren sehr wichtigen Punkt ihrer Arbeit stellen Kira Aldegeerds und Anton Schütte die aufsuchende Sozialarbeit dar. Sie gehen dahin, wo junge Menschen sind und suchen den Kontakt – wenn dieser denn gewünscht ist. Sie wollen auch hier Ansprechpartner/in sein, der Bedarf sei gross, aber auch in diesem Bereich reichen die personellen Kapazitäten nicht.
Beteiligung junger Menschen an kommunalpolitischen Entscheidungen
Die Beteiligung junger Menschen an kommunalpolitischen Entscheidungen – die dann auch bindend umgesetzt werden müssen – scheint momentan wichtiger denn je. Das Wahlverhalten junger Menschen – insbesondere junger Männer – zeigt hin zu undemokratischen Parteien. Haben junge Menschen überhaupt ein Interesse auf kommunalpolitische Vorhaben Einfluss zu nehmen, die sie betreffen? In Edewecht gab es bereits einmal ein Jugendparlament. In einem Artikel der Nordwest Zeitung aus dem November 2007 heisst es: „Als vorbildlich für andere Kommunen hat jetzt die Junge Union Ammerland das Edewechter Modell des Jugendgemeinderates bezeichnet….Die JU Ammerland sehe es in Zeiten von Politikverdrossenheit und wachsender Distanz zwischen Wählern und großer Politik als bedeutsam an, aktive Kommunalpolitik vor Ort zu betreiben…. Wichtig sei es, junge Menschen so früh wie möglich an Politik heranzuführen und damit die Demokratie zu stärken“ so die Meinung der jungen Christdemokraten. Hierbei sei der Jugendgemeinderat hilfreich. (NWZ, 23.11.2007)
Das ist nun fast 20 Jahre und eine Generation junger Menschen her . Die junge Union sieht im gleichen Artikel der NWZ: „…….Politikverdrosssenheit und wachsende Distanz zwischen Wählern und großer Politik …“ als grosses Problem – auch daran hat sich nicht viel verändert. Momentan wird die Einrichtung von Jugendvertretungen von der Landesregierung in Hannover verpflichtend angestrebt. Bürgermeisterin Knetemann weist darauf hin, dass die Kommunen wohl eine stärkere Beteiligung junger Menschen wollen, dies allerdings nicht verpflichtend – dies ist auch die Position der Bürgermeisterin. Die Beteiligung junger Menschen könne ja angefordert werden bei Themen, die sie speziell betreffen. Frau Knetemann nennt als Beispiel für Beteiligung, dass Jugendliche ja die Möglichkeit gehabt hätten, sich online an der Neugestaltung des „Alten Stadions“ zu beteiligen. Ist dies aber in den entsprechenden Netzwerken überhaupt bekannt gemacht worden? Und kann die Beteiligung an einem Projekt eine systematische Einbeziehung von Jugendlichen überhaupt ersetzen?
Im Austausch mit den jungen Menschen haben Kira Aldegeerds und Anton Schütte einen anderen Ansatz entwickelt. Sollten junge Menschen für politische Mitarbeit begeistert werden, müsse und könne ihnen zugetraut werden, das Format der Mitarbeit in Zusammenarbeit mit der Jugendpflege nach eigenen Vorstellungen zu gestalten. Hier müssten dann aber mehr personelle Ressourcen zur Verfügung stehen, um diese Aufgabe zusätzlich zu übernehmen. Diese Position verspricht Motivation und das Sich Einsetzen für die eigenen Interessen auf kommunaler Ebene und sollte unterstützt werden – dazu ist von Seiten der Verwaltung nicht unbedingt nur Geld, sondern eine Haltung der Offenheit, das zur Verfügungsstellen von Kontakten und Netzwerken und der Wille zur Kooperation gefragt.
Von der einrichtungszentrierten Arbeit hin zur Sozialraumorientierung
Und wo soll die Reise der Jugendpflege letztlich hingehen? Ideal sei die Aufhebung der Trennung von Altersklassen oder Personengruppen, das heisst, weg von der gegenwärtigen einrichtungszentrierten Arbeit hin zur Gemeinwesenorientierung. Konkret hiesse dies beispielhaft generationenübergreifende Angebote zu initiieren oder Projekte mit Nachbarschaften oder Eltern anzustossen – Möglichkeiten bieten sich hier unbegrenzt. Hierüber kann Verständnis für Beweggründe und Bedürfnisse Anderer gestärkt, können Vorurteile abgebaut werden. Soziale Probleme werden als Ganzes erfasst und bearbeitet. Und nicht zuletzt erleben sich junge Menschen durch Beteiligung und Mitgestaltung als aktive Mitglieder innerhalb einer Gemeinde – dies schafft Verbindung und Gemeinschaft. Nötig ist hierfür Netzwerkarbeit und als weitere Voraussetzung wieder entsprechende Begegnungsräume.
Bis das so weit ist, wird noch viel Wasser die Aue hinunterfliessen – aber: machen wir uns auf den Weg !
Final_KiJuSoA_Gesamtkonzept_Jugendpflege_Edewecht (3).pdf
Hilke Holthuis
