Trotz Arbeit in der Armutsfalle? Warum wir eine echte Wende für unsereArbeitnehmerInnen brauchen
Wenn wir mit unseren MitbürgerInnen über ihre aktuelle, häufig problematische Situation reden und dann die dazu passenden Statistiken anschauen, dann beginnen wir zu verstehen, was bei der Besteuerung schiefläuft. Einerseits bei der Vermögensverteilung und der damit verbundenen Gewinnabschöpfung und andererseits bei Erwerbstätigkeit und der damit verbundenen Sozial- und Steuerbelastung. Und wir verstehen besser den Zorn der arbeitenden Mehrheit. Während große Erbschaften und Kapitalerträge der Vermögen und Vermögenszuwächse sich der gesetzlich festgelegten Besteuerung entziehen, trägt die arbeitende Mitte – vom Facharbeiter bis zur Servicekraft – die Hauptlast unseres Sozialstaates. Nach Daten des Statistischen Bundesamtes ist die Lohnsteuer 2026 die ertragsreichste Einzelsteuer.

In Edewecht spüren wir die Folgen dieser Politik direkt vor der Haustür. Wenn die Kaufkraft sinkt, weil Steuern und Abgaben die mühsam erkämpften Löhne auffressen, leidet nicht nur der Einzelne, sondern auch unsere lokale Wirtschaft. Darüber hinaus muss unsere Gemeinde immer mehr Menschen unterstützen, die von ihrer Arbeit nicht mehr leben können: durch ergänzende Sozialleistungen wie z.B. Wohngeld. Dieses Missverhältnis kommt dadurch zustande, dass die obersten 1 Prozent und die folgenden 9 Prozent kaum Steuern zahlen. Anstatt der vorgesehenen 45% Steuern nur einen Bruchteil davon und anstatt der 25% Kapitalertragssteuern nur mittlere einstellige Prozente.
Viel Arbeit für wenig Lohn
Wissenschaftliche Untersuchungen in Deutschland der letzten Jahre kommen zu dem Ergebnis, dass Armut trotz Erwerbstätigkeit immer verbreiteter ist. Das gilt auch für Edewecht, denn hier gibt es wenig Stellen für Hochqualifizierte und viele Jobs in den typischen Niedriglohnsektor: Landwirtschaft/Baumschulen/Dienstleister/Nahrungsmittelindustrie. Jeder fünfte Vollzeitbeschäftigte in Edewecht erhält gleich oder weniger als einen Niedriglohn. Niedriglohn meint, weniger als zwei Drittel des mittleren Stundenlohns zu verdienen. Das sind aktuell Arbeitende, die weniger als 2.781 Euro brutto oder weniger als 1.807,65 Euro netto im Monat verdienen.

Die Entwertung von Bildung und Expertise
Ein besonders bitteres Kapitel ist die Situation unserer Fachkräfte. Wir erleben eine paradoxe Welt: Auf der einen Seite haben wir hochqualifizierte AkademikerInnen und ExpertInnen, die nach jahrelanger Ausbildung mit Einstiegsgehältern knapp über dem Mindestlohn abgespeist werden. Auf der anderen Seite sehen wir immer häufiger, dass komplexe Aufgaben von Personen übernommen werden, die lediglich Kurzeinweisungen erhalten haben, während die eigentlichen SpezialistInnen die Verantwortung tragen, ohne dafür fair entlohnt zu werden. Wenn Expertise zum „Discounterpreis“ eingekauft wird und die Differenz zwischen gelerntem Fachwissen und ungelernter Arbeit finanziell verschwindet, verliert Bildung ihren Wert.
Die Kostenfalle: Wohnen und Leben
Zur direkten Steuerlast kommt der Druck durch explodierende Lebenshaltungskosten. In Edewecht kann die Miete inzwischen auch schon die Hälfte des Nettoeinkommens auffressen. Wenn man dann noch die direkten Steuern auf Energie und Lebensmittel dazurechnet, bleibt von der Würde der Arbeit nur wenig übrig.
Zwischen Steuerhammer und Kostenfalle
Wir als UWG sehen täglich, wie die Menschen in unserer Region unter Druck geraten. Es sind nicht nur die direkten Steuern auf dem Gehaltszettel. Es ist die Kombination aus hohen Sozialabgaben, die den Bruttolohn auffressen, indirekten Steuern (MwSt., Energie- und CO2-Steuern), die jeden Einkauf zur Belastung machen und eine fehlende Entlastung. Während Großkonzerne durch sogenannte „Steueroptimierung“ sich der gesetzlich festgesetzten Steuer entziehen, haben ArbeiterInnen keine Chance, die Lohn- oder Gehaltsabrechnung zu manipulieren. Dazu kommt die kalte Progression, die Lohn- und Gehaltserhöhungen auffressen kann. Wir fragen: Ist es gerecht, dass diejenigen, die unsere Gemeinde jeden Tag am Laufen halten, am Ende des Monats kaum noch finanzielle Luft haben?
Während wir uns als Wirtschaftsnation rühmen, kämpfen ArbeitnehmerInnen mit einem „Brutto-Netto-Schock“. Die aktuelle Kombination aus Steuerlast, Inflation und mangelnder Wertschätzung für Qualifikation einerseits und die Weigerung unserer PolitikerInnen die gesetzlich festgesetzten Steuern der Reichsten 10% einzutreiben, zerstört den sozialen Frieden und die Motivation unserer BürgerInnen. Unsere Staatsführung duldet und schont Investoren, Hedgefondsmanager und Superreiche als größte Profiteure der von uns allen geleisteten Arbeit.
Die echten Abzocker
Jeder Blick auf dem Gehaltszettel zeigt das gleiche Bild: Bis zur Hälfte der Arbeitsleistung landet in den Kassen des Staats und der Sozialversicherungen, superreiche Milliardäre und Centi-Milliardäre zahlen dagegen durchschnittlich nur geringe Symbol-Steuersätze im einstelligen Bereich und das z.B. bei einem durchschnittlichen Wertzuwachs ihrer Vermögen von 60% während der Covidkrise. Besonders hart trifft es die arbeitende Mitte und Geringverdiener. Es ist ein System, das die arbeitende Bevölkerung zur Kasse bittet, arme Menschen missachtet und echte Abzocker belohnt.
Ja, es gibt auch EmpfängerInnen von Sozialleistungen, die betrügen, aber das sind dann eher kleinere Beträge. Unter den 820.000 Reichsten gibt es aber SozialbetrügerInnen, die laut Florian Köbler, dem Bundesvorsitzenden der der Steuergewerkschaft, über 200.000.000.000 € Steuern hinterziehen und im großen Stil betrügen.
Wir brauchen ein Umdenken und ein Handeln auf Grundlage der bestehenden Gesetze
- Durchsetzung aller gesetzlich festgelegten Steuern für Arbeit und für Vermögensgewinne. Die Finanzämter kontrollieren bislang die 80% mit einem Einkommen bis zum Durchschnitt. Die 10% Reichsten werden praktisch nicht kontrolliert. Das muss sich umkehren. Das Finanzgehabe der 820.000 Reichsten muss engmaschig kontrolliert werden.
- Die Beitragsbemessungsgrenzen für Kranken- u. Rentenversicherungen müssen fallen.
So könnten die Steuern für alle gesenkt werden, die Sozialkassen hätten Überschüsse und die Beiträge aller könnten gesenkt werden.
- Steuerliche Entlastung: Der Grundfreibetrag muss massiv steigen. Das Existenzminimum darf nicht besteuert werden!
- Wertschätzung von Qualifikation: Fachwissen und Verantwortung müssen sich im Gehalt widerspiegeln. Weder Arbeitgeber noch Staat dürfen Expertise länger ausbeuten.
- Auch vor Ort in Edewecht muss man umdenken. Die Ämter sollten bürgerfreundlicher umgestaltet werden. Denn wer zahlt diese Arbeitsplätze?
- Der soziale Wohnungsbau muss neu aufgenommen werden.
- Und die Gemeinde muss bei Vergaben strikt darauf achten, dass nur Unternehmen beauftragt werden, die faire Löhne zahlen und Qualifikation wertschätzen. Die Würde eines Arbeiters/einer Arbeiterin zeigt sich auch im Kontostand.
Es kann nicht sein, dass Vollzeitarbeit in Deutschland zum Armutsrisiko wird, während die die Reichen exorbitante Gewinne machen und keine Steuern zahlen. Das halte ich für einen ganz wichtigen Schritt in Richtung mehr Gerechtigkeit und Solidarität.
Pezhman Mehdiaraghi
Quellen: Daten zu den Themen Arbeit, Löhnen, Niedriglohnsektor, Steuerlast bei Bundesamt für Statistik https://www.destatis.de; Deutschlandfunk: Kampf gegen Steuerhinterziehung. Den Milliarden auf der Spur https://www.deutschlandfunk.de/steuerhinterziehung-deutschland-strafverfolgung-100.html; Netzwerk Steuergerechtigkeit: Mehr Steuergerechtigkeit durch eine gestärkte Steuerverwaltung https://www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de/wp-content/uploads/2022/11/211230_Steuerverwaltung_online.pdf
CORRECTIV: Das Bürgergeld: Die hartnäckigsten Behauptungen im Faktencheck https://correctiv.org/faktencheck/hintergrund/2025/09/30/das-buergergeld-die-hartnaeckigsten-behauptungen-im-faktencheck/
