Hauptsache Bauen? Was ist der Plan?
Am 21. Januar fand die erste öffentliche Sitzung der UWG Edewecht in 2026 statt. Unter dem Schwerpunkt „Wohnen“ ging es um aktuelle Bauvorhaben insbesondere am Rosmarinweg. Der Raum im Gasthof am Markt war rappelvoll. Neben sehr pragmatischen und ungelösten Fragen, wie denn der Verkehr funktionieren soll oder wie hoch die Bebauung sein darf, ging es auch um ganz Grundsätzliches. Wie steuert die Gemeinde die Verfahren? Wie vertreten Verwaltung und Rat dabei unsere Interessen als BürgerInnen von Edewecht? Welche Rolle spielen die Investoren und ihre Interessen? Mit welchen Mieten müssen Interessierte bei dieser Art Bebauung durch Investoren rechnen? Und für wen wird dann am Ende tatsächlich gebaut worden sein? Die Bewerbung der Wohnungen auf der Website zum Heinjehof ist da eindeutig: Hier „entstehen fünf Mehrparteienhäuser mit insgesamt 75 Wohnungen für Kapitalanleger. … Nutzen Sie die Chance in diesen zukunftsorientierten Wachstumsmarkt zu investieren!“ Na alles klar! Bleibt zu hoffen, dass sich Edewechter SeniorInnen die Mieten auch leisten können.
Leitlinien Wohnraumversorgung
In Edewecht wird ja nicht einfach so gebaut. Wir haben da ein Konzept. Dieses Wohnraumversorgungskonzept für den Landkreis Ammerland (Fortschreibung 2023) formuliert für Edewecht: „Ziel ist die bedarfsorientierte und zukunftsfähige Entwicklung eines gesunden Wohnraumangebotes für die Bürger und Bürgerinnen der Gemeinde Edewecht…“ (Hervorhebung v. d. Verfasserin). Ach so! Weiter finden wir in den Empfehlungen: „Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der sozialen Wohnraumversorgung, da im Segment des bezahlbaren Wohnens weiterhin eine Angebotsverknappung stattfindet.“ Das Konzept empfiehlt neben einer Unterstützung für energetische und altersgerechte Anpassungen im Bestand den Bau von kleineren Wohnungen z.B. für ältere Menschen, die dadurch aus zu großen Wohnungen/Häusern umziehen könnten und die Einführung einer Sozialquote bei größeren Bauvorhaben. Für den Bau von Einfamilienhäusern setzt das Konzept auf „preisbewusste Wohnraumversorgung für Einheimische“. Dies allerdings scheint inzwischen durch die hohen Baukosten wohl eher unrealistisch. Insgesamt aber doch prima Ansätze für eine gute kommunale Baupolitik.

Investoren bauen – Mieten steigen
In Edewecht wurde und wird viel gebaut. Zu einer Entspannung im Mietmarkt hat das allerdings nicht geführt, sondern zu weiter steigenden Mieten und Immobilienpreisen und erhöhtem Zuzugsdruck. Inzwischen haben wir hier im Dorf Preise fast wie in der Großstadt. Aktuell liegt die durchschnittliche Miete laut Mietspiegel Edewecht bei 9,06 Euro/qm Kaltmiete. Gustav Horn, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Duisburg-Essen beschreibt die Mechanismen im Immobilienmarkt. Dieser sei geprägt von einem dramatischen Machtgefälle zwischen denen, die Immobilien besitzen und solchen, die keine haben. Auf die damit verbundenen wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen müsse Politik reagieren. Auch für unsere Gemeinde braucht es eine Steuerung, die dafür Sorge trägt, dass nicht der Investitionsdruck auf dem Immobilienmarkt bestimmt, wie wir in Edewecht heute und übermorgen wohnen und leben.
Viel mehr als Wohnen
Wohnen betrifft (fast) alle Menschen. Ob und was für ein Zuhause wir haben bedeutet viel für die eigene Lebensqualität. Fehlen bezahlbare Wohnungen ist das nicht nur ein großes Problem für die einzelnen Personen und Familien/Wohngruppen, sondern auch für Unternehmen, die für Mitarbeitende bezahlbaren Wohnraum brauchen, vor allem im niedrigem Lohnbereich. Ein Mangel an passendem Wohnraum wird zum Standortnachteil, zum Hemmnis für die wirtschaftliche Entwicklung. Zur Wohnpolitik gehört aber noch mehr: Ohne Sozialwohnungen müssen Menschen mit geringen Einkommen auf dem freien Mietwohnungsmarkt mieten. Dann finanziert der Staat die (hohen) Mieten mit, fließen Steuergelder in die Taschen der Immoblienbesitzenden. Dazu kommen Klimabelastungen durchs Bauen und hoher Flächenverbrauch. Auch beim Thema Erhalt statt Abriss wäre noch Luft nach oben.
Der Markt wird es nicht richten
Viele Leute auch in Edewecht machen sich Gedanken zu den Entwicklungen des Wohnungsmarkts und darüber, wie rasant sich unsere Gemeinde verändert. Und das nicht nur in Friedrichsfehn. Wenn die zunehmende Geldanlage in Immobilien noch bestehende sinnvolle Infrastruktur in unseren Dörfern zerstört, müssen die Kommunen zumindest Teile des Wohnungsbaus selbst in die Hand nehmen und deutlich mehr mitgestalten. Alles dem Markt zu überlassen wird nur für die funktionieren, die am längeren Hebel sitzen.
Ein Ansatz kann die Nutzung von Bundesmitteln sein. Der Bund stellt erhebliche Mittel für den sozialen Wohnungsbau zur Verfügung. Unsere Gemeinde hat davon in den letzten 20 Jahren keinen Euro abgerufen. Beim Bund sind in mehreren Jahren in Folge jeweils bis zu 5 Milliarden Euro liegen geblieben. Es könnten Genossenschaftliche Initiativen gefördert und unterstützt werden oder versucht werden, den Ammerländer Wohnungsbau auch wieder nach Edewecht zu holen. Und: Wenn das Konzept Einfamilienhaus u.a. durch die hohen Baukosten nicht mehr stimmig für EdewechterInnen mit niedrigen/mittleren Einkommen ist – was ginge dann? Ideen dazu gäbe es schon, aber Alternativen kommen nicht von alleine.
Wohnen ist für alle BürgerInnen von elementarer Bedeutung. Wenn die Demokratie es nicht schafft, dass alle anständig wohnen können, kann das ein Grund werden, sich von ihr abzuwenden. Es geht bei dem Thema Wohnen auch um sozialen Frieden, wirtschaftliches Wachstum und den Glauben an die Demokratie und ihre wichtigste Funktion: Gerechtigkeit zwischen den unterschiedlichen Interessen zu organisieren.
Viel Arbeit für eine schnell wachsende Gemeinde wie Edewecht.
Margaretha Kurmann
Wohnraumkonzept Gemeinde Edewecht unter https://buergerinfo.edewecht.de/vo0050.asp?__kvonr=61301
Bundeszentrale für Politische Bildung, Sozialbericht 2024, Teil Wohnen unter https://www.bpb.de/kurz-knapp/zahlen-und-fakten/sozialbericht-2024/553247/wohnsituation-und-wohnkosten/
Auswertungen rund ums Wohnen des Statistischen Bundesamts https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Wohnen/_inhalt.html
Verbändebündnis „Soziales Wohnen“: Sozialer Wohn-Monitor 2026, Wohnungsmarktsituation, Wohnungsbedarfe, sozialer Wohnungsbau unter https://bauen-und-wohnen-in-deutschland.de/wp-content/uploads/2026/01/STUDIE-Sozialer-Wohn-Monitor-2026-1.pdf
Gustav Horn, Preiswertes Wohnen: Warum der Staat zum Handeln verpflichtet ist – unter https://vorwaerts.de/meinung/preiswertes-wohnen-warum-der-staat-zum-handeln-verpflichtet-ist
